Geburtsbericht von Yvonne, Ralf und Rebekka

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Samstag, 03. März 2001

Unser Termintag verläuft wie jeder andere Tag in den letzten Tagen meiner Schwangerschaft. An erholsamen Schlaf ist nicht mehr zu denken, weil ich mittlerweile zwei mal nachts raus muss, um mich zu erleichtern. Eigentlich ein guter Tag, um ein Kind zu kriegen denke ich, aber da tut sich rein gar nichts. Ich habe ja auch keinen Schimmer wie es sich äußert, wenn es denn losgeht, also gehe ich meiner üblichen Arbeit nach, und der Tag vergeht. Abends am Bügelbrett: Ich habe ein leichtes Ziehen im Bauch und wundere mich was das jetzt schon wieder für eine Hochschwangerschaftserscheinung ist! Wir gehen ins Bett, das Ziehen wird schlimmer. Kurz vorm einschlafen denke ich: "Wenn das morgen nicht weg ist, muss ich zum Arzt!" Ich denke nicht im entferntesten daran, dass vielleicht die Geburt beginnen könnte. Das Kind in meinem Bauch wird wieder genau dann aktiv, wenn ich schlafen will. Ich weiß noch nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, und freue mich schon darauf, es endlich zu erfahren.

 

Sonntag, 04. März 2001

04:00 Uhr - Ich habe, wenn es hoch kommt, 3 Stunden geschlafen und werde von diesem Ziehen geweckt. Es ist jetzt stärker als am Vorabend. Um 5:00 Uhr stelle ich fest, dass es alle 10-15 Minuten zieht, und realisiere langsam "es geht los"! Die nächste Stunde verbringe ich mit dem Gedanken: "Wie sage ich es meinem Mann???" So wie im Film? "Schatz, es geht los!!!" Ne, so kann und will ich das nicht sagen. Um 6 Uhr mache ich Ralf wach mit der Bemerkung das ich mal in die Badewanne gehe! Er schaut mich erstaunt an, und als ich auch noch meinen Wecker mit ins Bad nehme, hat auch er es verstanden!

06:00 Uhr - In der Badewanne werden die Wehen stärker und kommen jetzt alle 5 Minuten. Ralf frühstückt. Ich esse nichts. Warum? Keine Ahnung! Ich zähle lieber die Minuten bis zur nächsten Wehe. Ich bin aufgeregt und möchte gleich ins Krankenhaus. Man soll ja, wenn die Wehen alle 5 Minuten kommen. Ich habe Angst, wir könnten es nicht bis ins Krankenhaus schaffen! Fahrtzeit 5 Minuten!!!

08:00 Uhr - Im Krankenhaus wirken alle noch etwas verschlafen. Aber wie schon beim Info-Abend vor 3 Monaten empfinde ich die Atmosphäre als sehr angenehm. Die Hebamme schreibt ein CTG und ist nicht ganz zufrieden. Sie bringt mir was zu trinken und schreibt noch eins. Jetzt gefällt es ihr, und sie untersucht meinen Muttermund. Vielleicht 0,5 cm! Na ja! Wir sollen noch mal nach Hause oder in die Stadt. Wir entschließen uns, in unser Stamm-Frühstückslokal zu gehen, damit ich mich richtig stärken kann. Wegzeit 5 Minuten zu Fuß. Wir brauchen 20 Minuten. Die Wehen sind jetzt stärker und kommen öfter. Beim Frühstück kann ich kaum sitzen; möchte laufen, aber wie würde das denn aussehen! Die Bedienung wünscht mir Alles Gute angesichts meines dicken Bauchs. Weiß sie, dass es eigentlich schon soweit ist?

11:00 Uhr - Zurück im Krankenhaus. Wieder Wehenschreiber. Alles OK. Jetzt ist der Arzt da. Er macht einen Ultraschall und überprüft noch mal den Muttermund. Immer noch nicht mehr, vielleicht 1 cm. Das kann ja heiter werden. Ich bin jedoch der Meinung, dass das Kind heute noch kommt. Ich hab das im Gefühl, und er bestärkt mich. Jetzt sollen wir allerdings noch mal raus. Die Sonne scheint, es ist ein herrlicher Tag. Ralf und ich machen uns auf zum Schlosspark wo ich so gerne bin. Diesmal fahren wir mit dem Auto. Mir ist das so unangenehm, mit Wehen durch die Stadt zu laufen! Ralf m&/ouml;chte ein Eis essen gehen. Ich will nicht mehr unter Leute! Während ich im Park bleibe und die Sonne genieße, geht Ralf Eis kaufen, und ich komme doch noch in den Genuss! Dann allerdings wird mir alles zu viel. Ich habe das Gefühl, alleine nicht mehr zurecht zu kommen. Ich will wieder ins Krankenhaus zu Leuten, die sich mit so was auskennen!

13:00 Uhr - Wir richten uns im Wehenzimmer häuslich ein. Mich betreut jetzt die zweite Hebamme. Auch sie ist sehr sehr nett. Es wird wieder ein CTG geschrieben. Die Hebamme untersucht meinen Muttermund unter Wehenbelastung und ist der Meinung, dass man langsam nachhelfen muss. Die Wehen werden stärker und kommen öfter, scheinen aber nichts zu bewirken. Ich bin jetzt schon fertig, laufe im Zimmer auf und ab. Die Hebamme läßt mir Wasser ein. Ich soll baden, das entspannt!

15:00 Uhr - In der Badewanne halte ich es nicht lange aus. Die Wehen werden immer stärker und wollen überhaupt nicht mehr aufhören. Aber immer noch keine große Veränderung am Muttermund. Man will mir einen Einlauf machen. Ist das denn wirklich notwendig? Mir ist ein bisschen komisch zumute. "Ja, das bringt oft was, wenn es nicht so richtig vorangeht" meint der Arzt. Also gut, ein Einlauf. Mir ist das fast ein bisschen peinlich, aber mittlerweile auch egal. Ich will, dass es endlich vorbei ist. Wie lange soll das denn noch so weitergehen?

19:00 Uhr - Ich habe keine Lust und keine Kraft mehr, frage nach einer PDA. "OK", meint der Arzt, "aber dann müssen wir sie an den Wehentropf anschließen." Mir egal, mir ist alles egal! Hätte nie gedacht, dass mir mal alles so egal sein könnte! Hauptsache, die Schmerzen sind weg! Die Anästhesistin wird angerufen. Auch sie kenne ich schon von dem Info-Abend. Sie erklärt noch mal alles, aber ich höre nicht zu. Ich will nur die Betäubung, und zwar schnell. Die Assistentin der Anä,sthesistin hat mit Ralf Abitur gemacht. Sie unterhalten sich über Lehrer und lachen. Ich kann auch bald wieder lachen. Mir geht es besser, weil die Schmerzen weniger werden. Was für eine Wohltat!!!

20:00 Uhr - Wir ziehen um in den Kreissaal. Sie stechen mir die Fruchtblase auf. Jetzt liegt das Kind auf dem trockenen, denke ich. Wir sollen laufen! Gut, wir laufen. Und wir steigen Treppen. Rauf und runter. Jetzt könnte ich Bäume ausreißen, kriege noch was zu essen. Auch Ralf soll noch was essen. Aber er will nicht. Die Hebamme hat Angst, er könnte vom Stuhl kippen. Da kennt sie meinen Ralf aber schlecht!

22:00 Uhr - Neue Hebamme. Wieder eine Untersuchung. Der Muttermund öffnet sich langsam. Die PDA lässt nach, und ich bekomme noch einen Schub, diesmal mehr und ein stärkeres Mittel. Laut Hebamme lassen die Wehen nach. Ich weiß nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll. Wir können ja jetzt nicht einfach aufhören, die Fruchtblase ist ja offen! Der Wehentropf wird angeschlossen. Auf einmal soll ich pressen. Habe ich jetzt Presswehen? Keine Ahnung, ich merke ja nichts! Ich presse und presse und presse...es tut sich nichts. "Das Kind rutscht nicht in den Geburtskanal" sagen sie. Die Hebamme und der Arzt werden langsam nervös. "Wir müssen warten, bis die Betäubung wieder weg ist", meinen sie. Ich will das nicht, will nicht noch mal diese Schmerzen. Ich ahne, dass es noch schlimmer wird und habe Angst. Aber ich will endlich dieses Kind loswerden!

 

Montag, 05. März 2001

0:00 Uhr - Ich liege auf dem Bett und zittere am ganzen Leib vor Erschöpfung, habe Angst vor dem was da mit mir passiert. Mir ist kalt und die Betäubung hat mich benebelt im Kopf. Kann nicht mehr klar denken. Die Hebamme ist weg, der Arzt auch. Wo sind die? Wieso lassen die mich alleine? Ich höre Schreie. Da kriegt noch eine Frau ihr Kind. Der Arzt sagt zu ihr sie soll die Luft anhalten und pressen. Sie kann das nicht, die Schmerzen sind zu groß. Ich denke, dass ich das besser machen kann. Ich nehme mir vor, die Hebamme und den Arzt so gut es geht in ihrer Arbeit zu unterstützen. Dabei ist es meine Arbeit, das Kind zu kriegen!

02:00 Uhr - Ich Presse! Der Arzt liegt auf meinem Bauch und versucht mit seinem Gewicht nachzuhelfen. Es geht nicht, das Kind rutscht immer wieder hoch! Die Oberärztin wird gerufen. Man berät, was zu tun ist. Ich verstehe gar nichts mehr, bin nur noch ein einziger großer Schmerz. Sie möchten das Kind mit der Saugglocke holen, und wenn das nicht geht per Kaiserschnitt. Mir wird ganz komisch, was passiert mit mir? Gut das Ralf immer noch da ist. Er hält stumm meine Hand. Das tut gut. Man macht mich fertig für in den OP. Es sind tausend Leute um mich rum, und ich habe immer noch diese ekligen Schmerzen. Ich schreie nicht, ich schiebe mit aller Kraft die Schmerzen nach unten.

03:45 Uhr - Wir fahren durch die Gänge des Krankenhauses. Ich komme mir vor wie in einer Krankenhausserie im Fernsehen. Nur, dass es echt ist! Ich liege auf der Seite und presse bei den Wehen, merke wie sich etwas tut. Das Kind kommt tiefer und rutscht wieder hoch! Ich kann es richtig fühlen. Es ist als ob man sich ein Zäpfchen einführt. Das rutscht genauso nach oben! Ich merke, dass die Schmerzen weg gehen, wenn ich ganz arg presse.

04:00 Uhr - Wir sind im OP. Ich und mein Gefolge von tausend Ärzten und Hebammen! Da ist Ralf wieder! Er hat einen OP-Kittel an und sieht darin unheimlich gut aus! Hätte Arzt werden sollen, denke ich! Jetzt geht es richtig zur Sache. Unten stehen die Hebamme und die Oberärztin. Ob sie die Saugglocke benutzen weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Aber der Arzt auf meinem Bauch versperrt mir die Sicht. Ralf hat mein Gesicht in seinen Händen. Sie feuern mich an und sagen, dass es kommt! Ich kann es gar nicht fassen, auf einmal ist es da!

04:09 Uhr - Sie legen mir das Kind auf den Bauch. "Es ist ein Mädchen", sagen sie. Ralf ist rechts von mir und ich gucke ihn an, als die Hebamme nach dem Namen fragt. Wir haben uns nie richtig über den Namen unterhalten. Rebekka war mein erster Einfall für ein Mädchen. Ich sage "Rebekka!" Ich schaue dieses Kind, unsere Rebekka, an. Habe ihren Kopf in meiner Hand. Die hat die Augen ganz weit auf und schaut sich um, hebt den Kopf leicht an. Das ist meine Tochter! Ein hübsches Kind und kerngesund! Mir fällt ein Stein vom Herzen!

04:30 Uhr - Ralf und Rebekka sind weg! Ich werde noch zugenäht. Von dem Dammschnitt hatte ich nichts bemerkt! Man klärt mich auf: sie kam mit dem Kopf nach oben zur Welt, ein Sternengucker! Hat sich nicht in den Geburtskanal gedreht, sondern wollte "mit dem Kopf durch die Wand"! Jetzt wird mir alles klar. Man schiebt mich wieder nach oben in den Kreißsaal. Dort wartet Ralf. Er hat unsere Tochter auf dem Arm und läuft mit ihr durchs Zimmer. Sie fängt an zu weinen, und die Hebamme legt sie mir an. Sie trinkt auch, aber nicht viel. Mir wird schlecht, ich fange wieder an zu zittern, möchte was zu essen! Ich kriege Zwieback! Den leckersten Zwieback den ich je gegessen habe! Die Zeit vergeht. Um uns herum schreien lauter Frauen. Es sind viele Kinder unterwegs heute Nacht! Endlich bringt man mich in mein Bett!

08:00 Uhr - Ralf bleibt noch eine Stunde und geht dann auch ins Bett! Er kommt erst abends um 5 Uhr wieder, hat den ganzen Tag geschlafen. Rebekka hat auch geschlafen, aber auf meinem Bauch! Was für ein schönes Gefühl. Jetzt sind wir eine richtige Familie!

Yvonne, März 2001


Diesen Bericht habe ich kurz nach Rebekkas Geburt geschrieben und nicht geändert. Er ist sehr emotional und spiegelt meine damalige Sichtweise wieder.

Aus heutiger Sicht erscheint mir die Geburt meiner Tochter eher wie ein klinischer Prozess als ein natürlicher Vorgang. Mein nächstes Kind möchte ich auf keinen Fall unter solchen Bedingungen zur Welt bringen. Die Ärzte und Hebammen in ihrer Eile, das Kind jetzt "holen" zu müssen, haben mir Angst gemacht und mir erst die großen Schmerzen beschert, die ich hatte. Wahrscheinlich wäre sie erst später geboren worden wenn man sie nur gelassen hätte. Mir kommt es vor, als habe sie sich gesträubt, und ich hätte sie einfach rausgestossen. Das klingt wahnsinnig hart, aber ich empfinde es so.

Beim nächsten Mal werde ich mich bewusst für eine Hausgeburt oder, wenn das nicht möglich ist, für eine Geburt im Geburtshaus entscheiden.

 

Yvonne, Mai 2002