Erfahrungen mit Ferber

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Als unser Sohn 6 Monate alt war, hatten wir das "Problem", dass er alleine nicht einschlafen konnte, und je älter er wurde, desto länger konnte es dauern, bis er endlich schlief. So lange saß meistens ich neben ihm und wartete sehnsüchtig, dass er endlich einschlief. Meine einzige Freizeit bestand in der Zeit, in der er schlief, wobei er aber auch oft im Schlaf noch nach mir verlangte. Für einen Menschen, der früher sehr selbstständig gearbeitet und gelebt hat, ist es schwierig, sich plötzlich in einer derartigen Abhängigkeit zu einem anderen Menschen zu befinden. Leider schlief mein Sohn zudem tagsüber nur sehr wenig, und diese wenigen Minuten wurden mir daher immer kostbarer. Mein ganzes Denken begann sich nur noch darauf zu richten, was ich alles machen könnte, wenn er eingeschlafen wäre. Ich war damals mit den Nerven ziemlich fertig und konnte nur noch denken: "Schlaf doch endlich! Ich brauch doch auch etwas Freiheit!" Ich hatte "Jedes Kind kann schlafen lernen" gelesen, und auch meine Umwelt befand, dass ein 6 Monate altes Kind alleine einschlafen lernen müsse. Also entschied ich in einem besonders verzweifelten Moment, ihn mit der Ferbermethode zu entwöhnen.

Beim ersten Mal lenkte ich mich mit Geländerputzen ab, das Buch aufgeschlagen neben der Uhr, auf die ich dauernd starrte, bloß nicht denkend. Mein Verstand hämmerte mir dauernd ein, dass ich das Richtig täte, dass alles zum Wohle meines Kindes sei, mein Herz dagegen krampfte sich zusammen. Mein Kind weinte, schrie und jammerte insgesamt 20 Minuten, in denen ich 4 mal bei ihm war. Am nächsten Tag beruhigte er sich schon nach 10 Minuten. Ich hielt dies für einen "schnellen Erfolg" und fühlte mich bestätigt. Ab diesem Zeitpunkt schlief mein Sohn alleine ein. Meist war dies problemlos: er jammerte kurz und war innerhalb von 5 Minuten eingeschlafen, aber es gab auch Zeiten in denen er wieder 10 Min. jammerte, schrie, weinte, jammerte, einschlief. Ich hielt das immer noch für einen Erfolg. Meine Umwelt bestätigte mich darin. Endlich gab es keine Diskussionen mehr. Mein Vorgehen wurde als "Richtig" gewertet. Wir verhielten uns "normgerecht".

So blieb es 4 Monate lang, und dann kam der Augenblick, in dem mein Kleiner in dem Moment, als ich das Zimmer verlassen wollte, anfing zu schreien. Das war kein Jammern oder Weinen. Mein Kind schrie in höchster Panik! Ich lief sofort zurück, schloss ihn in die Arme und ließ ihn nicht mehr los. Alles, was ich mir für die Zeit, in der er schlief, vorgenommen hatte, war plötzlich uninteressant. Mein Kind brauchte mich, und das war alles, was zählte. Seitdem musste er nie wieder alleine einschlafen.

Erst da fiel mir auch etwas anderes auf: hatte mein Bärchen früher nur ein paar leise Geräusche von sich gegeben, wenn er nachts Hunger bekam oder der Schnuller weg war, so fing er jetzt sofort an, seine Sirene einzuschalten. Er hatte durch Ferber gelernt, dass Jammern nichts brachte. Also legte er gleich richtig los. Nacht für Nacht standen wir senkrecht im Bett. Es dauerte 2 Monate, bis mein Sohn wieder das Vertrauen hatte, dass ich auch auf das leiseste Geräusch reagieren würde. Dieses wieder gewonnene Vertrauen spielt auch in vielen anderen Alltagssituationen eine Rolle. So fängt er an einer Tankstelle nicht an zu weinen, wenn ich ohne ihn bezahlen gehe. Er weiß, ich komme sofort wieder.

Inzwischen ist mein Bär 14 Monate alt. Er muss nach wie vor nicht mehr alleine einschlafen. Ich habe meine Denkweise geändert und meine Prioritäten neu gesetzt. Was meine Umwelt denkt, ist mir egal, denn ich höre auf mein Kind. Hilfreich war aber auch, dass er nun relativ feste Einschlafzeiten hat, die wir in Zusammenarbeit entwickelt haben, wobei er mit 12 Monaten von alleine auf einen einzigen Mittagsschlaf wechselte. Zu seinen Einschlafzeiten ist er gewöhnlich auch müde, so dass er schnell einschläft. Im Augenblick jedoch braucht er wieder etwas länger, und wir passen gerade das Einschlafritual danach an. So möchte er jetzt unbedingt vor dem Einschlafen noch mindestens 3 Mal den Lichtschalter betätigen.

Das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" verstaubt langsam in meinem Regal. Es war mir hilfreich, zu verstehen, wie ein Mensch schläft, was im Schlaf passiert, was Nachtschreck ist und was ein Alptraum. Es hat mir aufgezeigt, was für Fehler (verschobener Tag-Nacht-Rhythmus etc.) sich einschleichen können und der Tipp, einen Tag-Nacht-Rhythmus zu etablieren, in dem man immer gegen 23 Uhr stillt, war wirklich Gold wert. Aber alles andere sollte man in diesem Buch vergessen. Es gibt viele andere Möglichkeiten, die meist hausgemachten Fehler sanft zu beheben. Die Ferber-Methode jedoch sollte nur als allerletztes Mittel eingesetzt werden, wenn alles anderen nicht fruchtet und die Familie am nervlichen Abgrund steht. Sie hat in Laienhänden nichts zu suchen und sollte eigentlich nur Experten bekannt und vorbehalten sein.

 

© 2002 Moni