Grenzen finden zwischen Absichern und Zutrauen

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Nachdem ich das Buch von Jean Liedloff gelesen hatte, fragte ich mich, inwiefern ich meinem Kind freien Lauf lassen könnte und wo ich es doch vor Verletzungen schützen müßte bzw. würde.

Zuviel "in-Watte-packen" macht ein Kind unselbständig und wiegt es in falscher Sicherheit. Aus meiner Praxis als Architektin ist mir ein Fall bekannt, bei dem in einem Kindergarten der Glaseinsatz einer Tür zerbrach und Kindergärtnerinnen und Eltern berieten, ob nun Sicherheitsglas eingesetzt werden sollte. Man sprach sich dagegen aus, da in den Türen der elterlichen Wohnungen auch keine Sicherheitsgläser verwendet wurden und man die Kinder nicht in falscher Sicherheit wiegen wollte. Was, wenn sie im Kindergarten lernen würden, dass man ruhig gegen eine Glastür fallen könnte und sie somit glauben könnten, dass das überall so wäre?

Mit diesem Beispiel vor Augen betrachtete ich unsere Wohnung und fragte mich, ob und wo ich wann was tun würde / müßte und stellte fest, dass ich das rein rational nicht klären konnte. Es war mein Sohn, der mir zeigte, wann der Augenblick für welche Absicherung und wann für das Loslassen davon angebracht war.

Mein Grundsatz lautet heute: "Traue Deinem Kind immer etwas mehr zu als Du glaubst, dass es schon kann." Ohne diese "Vorschuss" an Vertrauen, kann ein Kind nicht lernen; es wird in seiner Entwicklung gehemmt. Aber ich stehe auch dazu, nicht alles ungesichert zu lassen.

 

Bettrand

Jean Liedloff beschrieb in ihrem Buch, dass Kinder im Dorf an einem Graben spielen würden, ganz ohne Absicherung. Ich glaube aber nicht, dass hier schon kleine Babys dabei waren, die noch nicht krabbeln konnten. In einem Alter, in dem ein Baby maximal rollen kann, hält es sich natürlicher Weise größtenteils bei der Mutter oder einer anderen betreuenden Person auf, vermutlich weitgehendst im Tuch. Unser Sohn fiel in diesem Alter vom Bett. Er hatte sich in Windes Eile von der Bettmitte zum Rand gerollt und nicht rechtzeitig gestoppt. Ich weiß nicht, ob er die Gefährlichkeit des Randes überhaupt erkannt hatte, und wenn ja, hätte ihm die Fähigkeit über den Körper gefehlt, rechtzeitig seine Bewegung zu stoppen. Ab da waren wir auf der Hut. Wir hatten ihm bis zu diesem Punkt zu wenig zugetraut, nämlich, sich in einer solchen Geschwindigkeit fortzubewegen. Wir ließen ihn nach wie vor gewähren, waren aber bereit, einzugreifen. Die Yequanas lassen ihre Babys ja auch nicht vom ersten Augenblick an im Fluss allein sondern machen sie langsam mit dem Element vertraut. So halten wir es mit vielen Dingen.

Als nächstes zeigte uns unser Sohn, dass er den Bettrand als solches verstanden hatte, denn er setzte sich in gebührendem Abstand hin. Später versuchte er im Liegen hinunter zu greifen. Hier waren wir wieder in der Nähe, denn sonst wäre er kopfüber hinuntergefallen. Das passierte auch hin und wieder, aber wir hielten ihn soweit fest, dass er zwar langsam auf dem Boden ankam, aber sich nicht groß weh tat. Als er dann krabbelte, hatte er nach kurzer Zeit raus, wie man sich rückwärts vom Bett herunter hangelt, die Gefahr des Randes war somit vorbei.

 

Treppe

Da wir über drei Ebenen mit einer Treppe verbunden leben und diese Treppe zum Teil auch offen (also ohne Setzstufe) ist und durch das Wohnzimmer geht, schafften wir uns Treppengitter an. Wir wollten unser Kind unbefangen im Raum spielen lassen können, ohne dauernd nachsehen zu müssen, ob es sich auf der Treppe befindet. Mehrfach täglich waren wir mit ihm auf der Treppe, zumal sich die Bäder und Schlafzimmer in den oberen Stockwerken befinden und so lernte unser Sohn schon schnell mit der Treppe umzugehen. Als er gelernt hatte, die Treppe auch sicher hinabzukrabbeln, entfernten wir die Gitter und lassen ihn auch ohne Aufsicht krabbeln. Anfangs krabbelte er nur bis zu 4 Stufen hoch und gab dann lauthals und freudig zu verstehen, dass er erwartete, dass wir nachkommen. Kamen wir nicht, krabbelte er wieder runter. Waren wir da, krabbelte er weiter. Inzwischen beherrscht er die Treppe perfekt und benötigt keinerlei Aufsicht. Seit er laufen kann möchte er sie nun nicht mehr bekrabbeln sondern wie die Großen besteigen. Er weiß, dass dies nur geht, wenn wir ihn an den Händen festhalten, denn ohne uns krabbelt er nach wie vor. Dabei habe ich auch folgendes festgestellt: Sind wir bei ihm, stürzt er sich regelrecht in Richtung Treppe, darauf vertrauend, dass wir ihn rechtzeitig festhalten. Sind wir weiter weg, ist er vorsichtiger und besonnener und hat sich und seinen Körper immer im Griff.

 

Küche

In der Küche habe ich die Tür mit Mülleimer und Putzmittel abgesichert, und da lasse ich mein Kind noch nicht dran. Noch nimmt er alles in den Mund und ich glaube nicht, dass er jetzt schon verstehen würde, warum ich ihm das bei diesen schönen Flaschen nicht machen lasse. Mein Sohn darf mit Messer und Gabel spielen, aber bei den Küchenmessern habe ich ein noch ein leicht ungutes Gefühl und beobachte ihn verstohlen.

 

Steckdosen

Alle erreichbaren Steckdosen wurden abgesichert, und ich weiß noch nicht, wann der Zeitpunkt gekommen ist, die Steckdosen wieder frei zu geben. Ich möchte mein Kind nicht permanent beobachten müssen, nur um sicher zu gehen, dass es nicht daran spielt. Macht er sich daran in meiner Anwesenheit daran zu schaffen, sage ich "nein", erläutere ihm die Gefahr und setze ihn notfalls weg.
Wäre die Gefahr eines tödlichen Stromschlages nicht gegeben, dann wäre die Steckdose bestimmt nicht gesichert, aber da dieser Fall nicht auszuschließen ist, gehe ich hier lieber auf "Nr. Sicher".

 

Straße

Wir leben an einer Straße in einer 30-Zone und der Vorgarten grenzt direkt und ohne Zaun daran. Mein Sohn ist inzwischen 15 Monate alt, läuft, und weigert sich oft, an der Hand zu laufen. Zur Zeit versuche ich, ihm die Gefährlichkeit der Straße zu vermitteln. Läuft er zum Straßenrand rufe ich "Stop - Auto". Dies hat sich bei meinem Nachbarskind bewährt, weil es das Kind gleichzeitig daran erinnert, woher die Gefahr droht. Danach wird gemeinsam links-rechts-links gesehen, bevor wir weitergehen. Straßen werden von uns nur noch auf kürzestem Wege überquert, und auf dem Gehweg befinde ich mich immer zwischen meinem Sohn und der Straße und sage ihm auch immer wieder, dass er auf dem Gehweg bleiben soll. Wenn die Situation aber zu gefährlich ist und mein Sohn sich nicht führen läßt, dann nehme ich ihn entweder ins Tuch oder in den Wagen.

Läuft mein Kind von mir weg auf die Straße, mache ich meine Reaktion von der Situation abhängig. Kommt ein Auto, versuche ich meinen Sohn rechtzeitig wieder einzufangen, dies aber möglichst unspektakulär, mit wenig Schwung und so wenig interessant wie möglich. Zu groß ist sonst die Verlockung für ihn, daraus ein Fangen-Spiel zu machen. Droht keinerlei Gefahr, lasse ich ihn auch erst einmal gewähren. Läuft er zu weit, sage ich "Tschüß!" und winke. Mein Kind merkt dann, dass ich ihm nicht folge. Meist bleibt er zunächst irritiert stehen, schaut zurück, lacht mich an und kommt irgendwann zurück. Manchmal läuft er aber erst noch ein Stück weiter und erst bei Wiederholung des "Tschüß" kommt er zurück.

 

Fazit

Alles in allem ist das A und O mein Kind und das Vertrauen in seine Fähigkeiten. In einigen Fällen lasse ich ihn einfach gewähren, in anderen halte ich es eher mit den Yequana am Fluss. Mit jedem Entwicklungsschritt bekommt mein Sohn immer mehr Freiheiten, immer mit dem Vorschuss an Vertrauen, dass ich glaube, dass er dies und jenes schon selber kann und meiner Anleitung nicht bedarf. Den Stolz in seinen Augen zu sehen, wenn er wieder etwas neues gelernt oder gemeistert hat, das ist unbeschreiblich schön.

 

© 2002 Moni