Warum wir unsere Babys füttern - eine Interpretation

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Als Mutter zweier Kinder höre und lese ich immer wieder das Wort "füttern". Dieses Wort birgt für mich stark behaftete Eindrücke, läßt mir zumal einen Schauer über den Rücken gehen. Warum? An was denken wir zuerst bei diesem Wort? Eine Bäuerin füttert ihre Kühe, einen Geldautomaten füttern wir mit Münzen. Aber Kinder füttern? Warum dieses Wort, wenn es um die Ernährungsweise unserer Kinder geht? Füttern hat für mich etwas Unsauberes, Mechanisches, Unpersönliches inne. Wenn ich aber mit meinen Kindern am Tisch sitze, wir zusammen essen, ist das jedoch von alledem das Gegenteil. Wir genießen unsere Mahlzeiten, lachen, faxen, reden, schweigen und essen. Gefüttert werden heißt auch, dass jemandem ohne sein Zutun Essen verabreicht wird, vielleicht sogar ohne das Einverständnis der betroffenen Person? Geht man einen Schritt weiter und sieht sich die Etymologie des Wortes "füttern" an, wird es noch unappetitlicher und weniger treffend für mein Baby und dessen Essgewohnheiten: Ja, ich mache mein Baby satt, soweit satt, dass es noch einen Schluck Muttermilch braucht, um zufrieden vom Tisch zu gehen. Aber ich mäste mein Kind nicht, ich ziehe es nicht auf. (Ich lebe mit meinen Kinder, was für mich niemals Kinderaufzucht ist. Noch eines dieser Unwörter!)

 

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Morphologie: fütt|er|n
Grammatikangaben:

  • Wortart: Verb

  • Partizip II mit haben

  • lautet nicht ab

  • transitiv

Relationen zu anderen Wörtern:

  • Synonyme: abfüttern, atzen, ernähren, halten, mästen, pappeln, päppeln,
    sättigen

  • ist Synonym von: abfüttern, atzen, aufkommen, aufziehen, aufzüchten, auslegen,
    durchfüttern, ernähren, hochbringen, päppeln, sättigen

  • Synonym von: atzen

  • Grundform: füttern

  • Antonym von: Nichtfüttern

  • -ung-Form: Fütterung, fütterung

  • Synonym von: polstern

  • Form(en): gefüttert, füttern, füttert, fütterte, fütterte, gefütterten, gefütterte,
    füttere, gefütterter, gefüttertes, fütternden, zufüttern, fütternd, fütternde,
    fütterst, fütter, fütternder, fütterest, fütteret, füttertest, füttertet

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Ist es uns wichtig, unsere Kinder selbstbestimmt und frei im Geiste aufwachsen zu lassen, soll sich das auch in unserer Sprache widerspiegeln. Sprache ist realitätsbildend, unsere innere Welt konditioniert unsere äußere Welt und umgekehrt. Verwenden wir falsche, unangebrachte Wörter, finden sich bald im Kopf, bald im Leben diese falschen Bilder und deren Beigeschmack wieder, die mit dem jeweiligen Wort zusammenhängen. Die Konnotation eines Wortes formt unser Denken, unser Denken formt unser Handeln.
Füttern wir unsere Babys, tun wir das im Denken und im Handeln. Ich bin nicht gewillt, ein Stück Leben meines Kindes auf das Niveau eines Futtertieres zu reduzieren, weder sprachlich noch in meinem Tun. Meine Kinder essen, so wie ich esse, wie Menschen eben essen.

Ganz im Gegensatz zu Füttern, lasse ich meinen Kindern die Wahl zu essen, wann, was und in gewissen Grenzen auch wie sie wollen. Je mehr Freiheit sie genießen, umso selbstbestimmter und gesünder essen sie. Ich brauche mich kaum noch darum zu kümmern, was meine Kinder essen. Essen steht auf dem Tisch, wer hungrig ist, langt zu, und wer nicht mag, läßt es sein. Dies klappt erfahrungsgemäß schon im zartesten Beikostalter.

Ich habe mir den Stress nicht gegeben, dem Baby tagtäglich mehrmals Brei oder Fingerfood zu servieren; wenn das Kind reif für Beikost war, hat es sich eigenmächtig und selbstbestimmt etwas von meinem Teller gefischt, so oft es wollte. Jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus, welchen ich als Erwachsene weder lenken noch sonst beeinflussen muss. Das Kind wird essen, wenn es den Schritt zur Beikost in seiner Entwicklung machen will und mag und die Reife dazu hat. Dieses Mich-nicht-darum-kümmern ist keine Faulheit - außer ich darf es "kreative Faulheit nennen - sondern ein großes Vertrauen in das Kind, das mir zeigt, wann es was braucht, auf der körperlichen und seelischen Ebene. Jean Liedloff beschreibt das so in ihrem Buch Auf der Suche nach dem Verlorenen Glück, S. 108 in der Taschenbuchausgabe, erschienen im C.H.Beck Verlag:

Sie (die Mutter bzw. die Pflegeperson, Anm. d. Autorin) initiiert den Kontakt nicht, noch trägt sie - außer auf passive Art - zu ihm bei. Das Baby sucht sie auf und zeigt ihr durch sein Verhalten, was es will. Seine Wünsche erfüllt sie vollständig und bereitwillig, aber sie fügt nichts hinzu. In ihrem gesamten Verkehr miteinander ist es der aktive, sie der passive Teil, es kommt zu ihr zum Schlafen, wenn es müde, und zum Gefüttertwerden, wenn es hungrig ist.

Und weiter auf S. 109:

Von Natur aus schützt es sein eigenes Wohlbefinden, wie seine Angehörigen dies von ihm erwarten und wie seine angeborenen Fähigkeiten sowie sein jeweiliges Entwicklungs- und Erfahrungsstadium es ihm erlauben.

Ein Kind, das seinem Instinkt nicht zu misstrauen braucht, weil man es ihm entgegen seiner Natur schon beigebracht hat, es nicht zu tun, wird wissen, wann es reif für Beikost ist, was ihm bekommt und was es besser auf Mamas oder Papas Teller liegen läßt. Meiner Erfahrung nach ist es unnötig, ja sogar stressig und kontraproduktiv, einem Kind aktiv und vehement Beikost anzubieten. Es wird sie eh erst essen, wenn es reif dazu ist. Man kann weder einem Kind beibringen durchzuschlafen, noch zu laufen, noch Beikost zu sich zu nehmen. Alles kommt mit der Zeit, individuell, wenn das Kind reif dafür ist.
Auf S. 112 schreibt Liedloff weiter:

Ein Kind, das noch nicht sprechen kann, ist sehr gut in der Lage, seine Bedürfnisse klar zu machen, und es ist sinnlos, ihm etwas anzubieten, was es nicht braucht (Hier geht es nicht explizit um Beikost, sondern um Interessantes überhaupt im Leben eines Babys, Anm. d. Autorin); schließlich ist das Ziel der kindlichen Aktivitäten die Entwicklung von Selbstvertrauen. Bietet man ihm entweder mehr oder weniger Unterstützung an, als es wirklich braucht, so wird dieses Ziel leicht vereitelt.

Alternativ zu "Füttern" können wir unsere Kinder einfach zu uns an den Tisch einladen und sie essen lassen. Dies in Gedanken, Sprache und Handeln. Wir dürfen durchaus darauf vertrauen, dass sie kleine, starke und bewusste Persönlichkeiten sind, welche unserer Leitung in ihren elementarsten Bedürfnissen wie Stillen, Getragenwerden, Essen, Schlafen und Lernen nicht bedürfen.

 

Barbara

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