Langsam und mit Geduld

* * * * * * * * * * * *

Respekt vor dem Tempo des Kindes unterstützt den Wachstumsprozess

Warum beeilen wir uns? Wohin eilen wir? Macht es uns Spaß, uns zu beeilen, uns selbst unter Druck zu setzen? Die Haltung unserer Gesellschaft scheint zu sein: Mehr, mehr, schneller, schneller. Können wir wirklich alles haben, alles machen, alles sein? Und wann wird das sein? Warum nicht langsamer werden und sich an dem freuen, was wir jetzt haben?

Wie David Elkind in Das gehetzte Kind feststellt, ist diese Haltung des Sichbeeilens für Kinder schädlich und belastet ihr Leben mit unnötigem Stress. Um sich zu entfalten, brauchen Kinder ein langsames, überschaubares Leben. Als Eltern und als ihre Vorbilder sollten wir das nicht vergessen.

Kinder reagieren nicht so schnell wie Erwachsene, weil die Prozesse ihres Verstandes und Denkens immer noch damit beschäftigt sind, die Beziehungen zwischen Dingen und ihren Bedeutungen aufzufassen. Wenn Sie Ihrem Kind sagen, dass Sie ihm seine Schuhe anziehen möchten, weil Sie mit ihm nach draußen gehen möchten, dann lassen Sie ihm Zeit, Ihre Erwartungen Schritt für Schritt zu erfüllen. Haben Sie Geduld, während die Botschaft durch die grauen Zellen geht und es sie versteht. Lassen Sie ihm diese wichtige Übergangszeit, während Sie umschalten. Erinnern Sie sich daran, Ihr Kind ist bemüht, Ihnen zu gefallen. Wenn es sich bemüht, ein Spielzeug zu greifen oder seinen Pullover anzuziehen, dann lassen Sie es seinen eigenen Prozess durchmachen, auch wenn es schwer oder frustrierend ist zuzuschauen, weil Sie wissen, es ginge schneller und leichter, wenn Sie es selbst machten. Auf diese Weise unterstützen Sie es.

Bestimmte Entwicklungsphasen können dem Wunsch Ihres Kindes zu kooperieren manchmal im Wege stehen. Ein Kind, das Schmerzen hat, weil es einen neuen Zahn bekommt, möchte vielleicht nicht seine Schuhe anziehen oder überhaupt irgendetwas machen. Damit ist schwer umzugehen, wenn Sie in Eile sind oder selbst einen schweren Tag haben. Behalten Sie das Ziel im Auge: Geduld. Respektieren Sie Ihr Kind, indem Sie sich an sein Tempo anpassen, während es wächst und lernt. Geben Sie ihm die Möglichkeit und die Zeit kompetent zu werden. Ein Kind, dem Freiheit und Wahlmöglichkeiten gelassen werden, lernt viele kluge Entscheidungen zu treffen. Haben Sie Vertrauen.

 

Interventionen auf das Verhalten des Kindes abstimmen

In dem Maße, wie die Wünsche und der Wille Ihres Kindes wachsen, stößt es auf Frustration. Sein Wille, Ihnen gegenüber seine Wünsche oder seine Frustration klar auszudrücken. Deshalb wird es dann vielleicht gereizt oder eigensinnig oder fängt an zu jammern.

Spiegeln, das auf Ihrer Wahrnehmung beruht, bietet einem Kind, das sich mit etwas abmüht, Trost: Ich sehe, dass du versuchst deinen Schuh anzuziehen. Das ist wirklich schwierig. Wenn Sie glauben, dass Ihr Kind Hilfe braucht, können Sie sagen: Ich werde dir helfen deinen Fuß hineinzustecken. Schau mal, ob du ihn jetzt anziehen kannst. Wenn Sie glauben, dass Ihr Kind das kann, können Sie es ermutigen, indem Sie sagen: Kannst du ihn jetzt allein anziehen? Wenn Sie viele Monate lang bemüht waren, Ihr Kind wahrzunehmen, werden Sie jetzt viel von der individuellen Persönlichkeit Ihres Kindes und seiner Frustrationstoleranz verstehen. Es ist jedoch normal, dass Kinder ungeduldig werden, wenn sie neue Aufgaben lernen. Ihre Geduld und ruhige Präsenz wird sie unterstützen. Aufgeregtheit führt nur zu mehr Aufgeregtheit.

Sie können Ihrem Kind auch helfen Toleranz zu entwickeln, indem Sie ihm erlauben und es auch dazu ermutigen, seine Probleme selbst zu meistern. Wie viel und was sollten Sie es allein machen lassen? Alles, was nicht gefährlich ist. Versuchen Sie die Grenzen für Ihr Kind und für sich selbst zu setzen. Während der Mahlzeiten wird unweigerlich Essen auf den Boden fallen. Versuchen Sie nicht, Ihr Kind auf einem Teppich zu füttern, der sauber bleiben soll. Das ist das große Thema: Wie viel Freiheit sollten Sie gewähren und wie viel Kontrolle ausüben? Wenn Kinder zu viel Freiheit haben, wissen sie vielleicht nicht, wie sie damit umgehen sollen. Es ist der richtige Grad an Grenzen, der Freiheit gibt. Da wir in einer Gesellschaft leben, brauchen wir Regeln.

Wenn Ihr Kind etwas tut, das es frustriert, wie der Versuch einen Reißverschluss zu öffnen oder Bauklötze aufeinander zu stapeln, die immer wieder umfallen, dann greifen Sie nicht ein, bevor es Sie dazu auffordert oder Hilfe suchend anschaut. Unterstützen Sie es, wenn es Sie fragt, aber beginnen Sie mit minimaler Hilfe. Gehen Sie zu ihm hin und spiegeln Sie, was es tut. Es wird durch Ihre Gegenwart an Selbstvertrauen gewinnen und dadurch vielleicht schon in der Lage sein die Aufgabe allein zu beenden.

Wenn es immer noch Hilfe möchte, machen Sie erst einmal nur den kleinsten Schritt, um sein Projekt zu erleichtern – fragen Sie es zum Beispiel, ob es einen Bauklotz auf den anderen legen kann. Es ist besser, weniger Hilfe zu geben – zuviel kann nicht wieder zurückgenommen werden.

 

Mit regressivem Verhalten umgehen

Kinder gehen in verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung zu regressivem Verhalten über. T. Berry Brazelton bemerkt in seinem BuchTouchpoints (Addison-Wesley, 1992), dass Kinder regredieren und an bekanntem Vehalten festhalten können, bevor sie zur nächsten Entwicklungsstufe weitergehen, weil sie sich mit dem Neuen noch nicht wohlfühlen. Ein Kind, das schon laufen kann, fängt vielleicht an wieder zu krabbeln, wenn es eine neue Fähigkeit ausprobiert. Ein neues Geschwister kann die Ursache sein, dass ein Kind wieder wie das Baby sein möchte, um damit mehr Beachtung seiner Eltern zu bekommen.

Und lassen wir Erwachsene uns nicht auch in regressivem Verhalten gehen, wenn wir uns in unser Bett kuscheln oder an unseren Fingern kauen? Wir alle möchten manchmal Babys sein und zu der angenehmen Zeit zurückkehren, als für uns gesorgt wurde.

Lassen Sie regressives oder unkorrektes Verhalten zu. Zwingen Sie Ihr Kind nicht, Dinge richtig zu machen. Das Leben besteht nicht aus Richtig oder Falsch, Schwarz oder Weiß. Solange niemand durch die Handlungen Ihres Kindes leidet, ist es völlig in Ordnung, dieses unerwünschte Verhalten zu erlauben. Wenn Ihr Kind experimentieren möchte, lassen Sie es zu. Es ist seine Kreativität, die sich meldet.

Wenn Ihr Kind, das schon laufen kann, wieder krabbeln möchte, sagen Sie ihm nicht: Hör auf zu krabbeln. Du bist doch kein Baby mehr.Wenn ein Kind, das abgestillt ist, wieder einmal die Flasche möchte, ist das in Ordnung. Wenn Ihr Kind ein Buch verkehrt herum lesen möchte, lassen Sie es und sagen Sie ihm nicht: Dreh das Buch doch um. So herum ist es verkehrt. Respektieren Sie Ihr Kind, indem Sie ihm erlauben zu experimentieren und zu tun, was sich gut anfühlt.

 

Wenn Ihr Kind Ihre Grenzen austestet

Kinder probieren dauernd aus. So erforschen und entdecken sie ihre eigenen Grenzen, die ihrer Eltern und die der Welt. Ihr Kind kippt zum Beispiel einen Behälter mit Spielsachen auf den Teppich, um die Wirkung zu sehen. Es möchte vielleicht auch sehen, was geschieht, wenn es den gleichen Behälter über seinem Spielkameraden auskippt oder auf dem Holzfußboden. Ihr Kind rennt vielleicht auf die Straße, was es nicht tun darf, um zu sehen, wie Sie reagieren. Es schüttet vielleicht auch sein Essen über seinem Kopf aus, um zu erfahren, wie sich das anfühlt und wie Sie reagieren.

Achten Sie darauf, dass Sie nicht Verhaltensweisen verstärken, die Sie von Ihrem Kind nicht möchten. Falls Sie überreagieren, wenn Essen auf den Boden fällt oder wenn Ihr Kind mit Spielsachen wirft, hält es vielleicht länger an diesem Verhalten fest. Es ist angebrachter, wenn Sie ihm ruhig sagen, was Sie nicht möchten. Wenn Ihr Kind aber auf die Straße rennt oder sonst etwas Gefährliches tut, müssen Sie zuerst handeln; danach können Sie ihm mit bestimmtem Ton sagen: Lauf niemals auf die Straße. Das ist gefährlich.

 

Wenn Ihr Kind sich weigert zu kooperieren

In dem Alter, wenn die Kinder laufen lernen, fangen sie an sich zu weigern, bestimmte Dinge zu tun, und scheinen unkooperativ zu sein. Wenn Ihr Kind anfängt zu realisieren, dass es ein von seinen Eltern getrennter, selbstständiger Mensch ist, möchte es auch selbst Entscheidungen treffen. Alle Kinder weigern sich gelegentlich, etwas zu tun. Kein Kind möchte immer tun, was die Eltern wollen.

Wie könnten Sie mit der Situation umgehen, wenn Ihr Kind sich zum Beispiel weigert seine Schuhe anzuziehen und Sie nach draußen gehen möchten? Zuerst einmal müssen Sie verstehen, dass das völlig normal ist. Dann haben Sie zwei Möglichkeiten. Wenn Sie nicht eine Verabredung einhalten oder ein Flugzeug bekommen müssen und zu Hause bleiben können, können Sie sagen: Wenn du deine Schuhe nicht anziehen möchtest, dann können wir auch zu Hause bleiben. Und dann bleiben Sie auch zu Hause. Das lehrt Ihr Kind die Konsequenzen seines Handelns und es erhält eine wertvolle Lektion. Wenn es seine Schuhe nicht anzieht, kann es nicht das Haus verlassen. Schließlich wird es das einsehen und weniger Widerstand leisten.

Wenn Sie keine Zeit haben zu warten, können Sie sagen. Wir müssen deine Schuhe anziehen, damit wir rausgehen können. Möchtest du sie allein anziehen oder möchtest du, dass ich dir helfe? Die Frage Möchtest du es allein tun oder möchtest du, dass ich helfe? ist in vielen Situationen hilfreich, in denen Sie möchten, dass Ihr Kind kooperiert. Indem Sie das sagen, geben Sie ihm den Ball zurück. Wenn man ein Kind in diesem Alter vor diese Wahl stellt, entscheidet es sich oft dafür, es allein zu machen.

Kinder haben ein anderes Zeitgefühl als Erwachsene. Erwachsene haben begrenzte Zeit, während Kinder das Gefühl haben, sie hätten alle Zeit der Welt. Sie können eine Woche lang dabei bleiben, ihre Schuhe nicht anzuziehen. Sie entscheiden vielleicht, dass Warten das Beste sei. Es kann auch sein, dass Ihr Kind seine Schuhe genau dann nicht anziehen möchte, wenn Sie es dazu auffordern, aber ein paar Minuten später nimmt es sie vielleicht und beschließt, es doch zu tun. Sie können entscheiden, ob Sie jedes Thema zu einem Schlachtfeld machen oder zu einer Gelegenheit zum Wachsen. Respektieren Sie Ihr Kind, indem Sie ihm sagen, was Sie von ihm erwarten, dann seine Reaktion beobachten, auch wenn es nicht das ist, was Sie möchten, und ihm Zeit lassen zu tun was Sie möchten.

Denken Sie daran, dass Ihr Kind anderer Meinung sein muss. Das ist Teil des Wachstums. Je respektvoller die Eltern, umso mehr wagt ein Kind, anderer Meinung zu sein.

von Magda Gerber
in "Mit Kindern wachsen", Ausgabe Januar 2002